Chancen durch die Parkpickerl- Ausweitung: Wird die Stadt sie nutzen?

Chancen durch die Parkpickerl- Ausweitung: Wird die Stadt sie nutzen?

Die Ausweitung der Parkraumbewirtschaftung auf ein flächendeckendes Modell in ganz Wien ab März 2022 wird – neben der 365 Euro Jahreskarte für die Wiener Linien – die größte verkehrspolitische Maßnahme der letzten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte: die Anzahl der bewirtschafteten Parkplätze wird damit verdoppelt! Um das volle Potenzial auszuschöpfen, ist jedoch eine Reihe von Begleitmaßnahmen notwendig, deren Planung die Bezirke 10, 11, 13, 14, 17, 21, 22 und 23 und die zuständigen Magistratsabteilungen unverzüglich beginnen müssen.

Von nix kommt nix - Freie Parkplätze aktiv umgestalten

“Die Ausweitung des Parkpickerls ist eine einmalige Chance zur Flächenumverteilung, die aktiv genutzt werden muss”, sagt Barbara Laa, Sprecherin von Platz für Wien. Entgegen der Aussendung der Stadt Wien entsteht durch das Parkpickerl nämlich nicht “mehr Platz im öffentlichen Raum für Fußgängerinnen und Fußgänger, Radfahrende, für Sitzmöglichkeiten und vieles mehr, das die Lebensqualität einer Millionenstadt ausmacht”, sondern in erster Linie … mehr freie Parkplätze. Aber diese freigewordenen Flächen können und müssen durch aktiv gesetzte Umgestaltungsmaßnahmen für Verbesserungen im Fuß- und Radverkehr, für Aufenthaltsbereiche und zur Klimawandelanpassung genutzt werden.

Parkplatz-Teufelskreis durchbrechen, Flächen nutzen

Die Effekte, die nach der Einführung des Parkpickerls in einem Bezirk oder Bezirksteil eintreten, folgen immer dem gleichen Muster:

  1. Das Parkpickerl wird eingeführt.
  2. Einpendler*innen kommen nicht mehr mit dem Pkw oder nutzen Garagenplätze, wodurch die Auslastung der Parkplätze im öffentlichen Raum im Bezirk schlagartig abnimmt und ganze Straßenzüge leer stehen. 
  3. Die Bezirks- und Stadtpolitik ist völlig überrascht von der Wirksamkeit der Maßnahme und hat keine Pläne zur Umnutzung des freigewordenen öffentlichen Raums in der Schublade.
  4. Die Bezirksbewohner*innen, die aufgrund der Parkplatzknappheit einen Garagenplatz hatten, geben diesen auf und stellen ihre Fahrzeuge mit dem neuen, günstigen Parkpickerl im öffentlichen Raum ab.
  5. Ein beträchtlicher Teil der Wirkung des Parkpickerls verpufft: der öffentliche Raum wird wieder großteils zugeparkt (diesmal von Bewohner*innen-Kfz); Garagen leeren sich; für alternative Nutzungen des öffentlichen Raums ist wieder kein Platz.

 

Damit diese einmalige Chance durch die geplante Parkpickerlausweitung genutzt werden kann, müssen unmittelbar mit der Einführung die Begleitmaßnahmen umgesetzt werden. Deren Planung muss also jetzt stattfinden. Im Sinne der Forderungen von Platz für Wien bieten sich folgende Maßnahmen v.a. in den Bezirken Favoriten, Simmering, Hietzing, Penzing, Floridsdorf, Donaustadt und Liesing an:

  • Herstellung ausreichender Durchgangsbreiten auf allen (!) Gehsteigen durch Ummarkieren von Schräg- und Querparkplätzen auf Längsparkplätze und durch Verlegung von Gehsteigparkplätzen auf die Fahrbahn
  • Flächendeckende Öffnung aller Einbahnen für den Radverkehr durch Herstellung von Ausweichbuchten bzw. Entfall von Parkspuren
  • Herstellung von baulich getrennten Radwegen auf allen Hauptstraßen durch Entfall von Fahr- oder Parkspuren (vorläufige Umsetzung mittels Pop-up-Radwegen)
  • Massive Ausrollung von Klimawandelanpassungsmaßnahmen: z.B. statt jedem 3. Parkplatz wird ein Baum gepflanzt
Nach der Ausweitung ist vor der Reform

Auch eine flächendeckende Parkraumbewirtschaftung kann nur ein erster Schritt für ein zukunftsfähiges System sein. “Das aktuelle System mit bezirksweiten Geltungsbereichen war für die kleinen Innenbezirke konzipiert. In den Flächenbezirken führt es zu vermehrten Autofahrten innerhalb der einzelnen Bezirke”, erinnert Platz für Wien-Sprecher Ulrich Leth die Stadtregierung an die bekannten Schwächen des Systems. Die Regierung selbst hat sich im Koalitionsabkommen zu einer Reform bekannt.

 

“Wir fordern die Stadtregierung und alle betroffenen Bezirke auf, jetzt mit den notwendigen Planungen für die Begleitmaßnahmen zu beginnen, sonst wird die Parkpickerlausweitung als riesengroße, verpasste Chance in die Wiener Verkehrsplanungsgeschichte eingehen”, mahnt Platz für Wien-Sprecher Ulrich Leth rasches Handeln ein. Dafür sollte Verkehrsstadträtin nicht nur das Personal ihrer Ausstellungs- und Kontrollabteilungen fürs Parkpickerl aufstocken, sondern auch ihre Planungsabteilungen MA 28 und 46.

Fotocredit: Sabine Hertel

Platz für Wien